Welche Hilfsmittel können Kindern mit ADHS wirklich helfen? Fidgets, visuelle Tagespläne, Bewegungsideen und kleine Alltagshelfer können Kinder dabei unterstützen, ihre Aufmerksamkeit und ihren eigenen Zustand besser zu regulieren. Entscheidend ist dabei nicht das perfekte Produkt, sondern die Frage: Was hilft genau diesem Kind?
„Jetzt sitz doch bitte endlich still und konzentrier dich.“
Diesen Satz hören viele Kinder mit ADHS vermutlich häufiger, als ihnen lieb ist. Und ich glaube, wir Erwachsenen unterschätzen manchmal, was wir damit eigentlich verlangen. Denn was ist, wenn ein Kind gerade nicht trotz seiner Bewegung unaufmerksam ist, sondern Bewegung braucht, um aufmerksam sein zu können?
Was ist, wenn der wippende Fuß, die Finger am Radiergummi oder das Kippeln auf dem Stuhl gar nicht in erster Linie stören sollen, sondern ein ziemlich kluger – wenn auch manchmal anstrengender – Versuch des Körpers sind, sich selbst zu regulieren?
In meiner pädagogischen Arbeit mit Kindern mit ADHS finde ich genau diesen Perspektivwechsel immer wieder wichtig. Nicht sofort zu fragen: „Wie bekommen wir das weg?“, sondern erst einmal neugierig zu werden: Was versucht dieses Kind gerade für sich zu lösen?
Und dann können manchmal erstaunlich kleine Dinge einen Unterschied machen. Nicht, weil es das eine „ADHS-Hilfsmittel“ gäbe, das plötzlich alles leichter macht. Das gibt es nicht. Und ich bin auch vorsichtig mit Produkten, die genau diesen Eindruck vermitteln.
Aber es gibt Hilfsmittel, Materialien und kleine Gimmicks, die einem Kind dabei helfen können, seinen Körper besser zu spüren, Bewegung sinnvoll zu nutzen, Abläufe sichtbar zu machen oder überhaupt erst einen Zugang zur eigenen Regulation zu finden.
Ich erinnere mich an Situationen, in denen ein Kind während eines Gesprächs scheinbar mit allem beschäftigt war – nur nicht mit mir.
Da wurde geknetet, gedreht, ein Gegenstand von einer Hand in die andere geschoben und nebenbei noch auf dem Stuhl herumgerutscht. Mein erster Impuls hätte sein können: „Leg das bitte weg und hör mir zu.“ Aber dann stellt man eine Frage – und bekommt eine erstaunlich genaue Antwort. Das Kind hat zugehört. Nur eben nicht so, wie wir Erwachsenen uns Zuhören häufig vorstellen.
Für manche Kinder können deshalb sogenannte Fidgets hilfreich sein. Ein Beispiel ist der GeoBender Cube, ein magnetischer Würfel, dessen Elemente sich bewegen und zu unterschiedlichen Formen zusammensetzen lassen. Solche Dinge können den Händen etwas zu tun geben. Das kann für ein Kind angenehm sein, das ohnehin ständig am Stift nestelt, Radiergummis zerlegt oder seine Finger beschäftigen möchte.
Aber – und dieses Aber ist mir wichtig – nicht jedes Fidget hilft jedem Kind.
Ein Gegenstand kann regulieren. Er kann aber genauso gut faszinieren und damit komplett von der eigentlichen Aufgabe wegführen. Wenn ein Kind während des Unterrichts nur noch herausfinden möchte, welche neue Form es aus seinem Würfel bauen kann, dann haben wir vielleicht ein tolles Spielzeug gefunden – aber kein geeignetes Hilfsmittel für diese Situation.
Deshalb beobachte ich lieber, statt vorschnell zu bewerten: Wird das Kind mit diesem Gegenstand präsenter oder verschwindet es gedanklich noch weiter aus der Situation? Das ist für mich die entscheidende Frage.
Ein ganz anderes Thema begegnet mir bei Kindern mit ADHS ebenfalls häufig: Sie wissen eigentlich, was sie tun sollen – und trotzdem geht unterwegs etwas verloren. Jacke anziehen. Trinkflasche einpacken. Zähne putzen. Sportsachen mitnehmen. Vier kleine Dinge.
Und plötzlich steht das Kind zehn Minuten später mit einem Legoauto im Kinderzimmer und weiß nicht mehr, weshalb es eigentlich nach oben gegangen ist. Das kann Erwachsene wahnsinnig machen. „Ich habe es dir doch gerade gesagt!“ Ja. Haben wir. Und möglicherweise hat das Kind sogar aufmerksam zugehört. Trotzdem bedeutet „gehört“ nicht automatisch „im Arbeitsgedächtnis verfügbar, bis sämtliche Handlungsschritte erledigt sind“.
Genau deshalb mag ich Visualisierungen sehr. Dafür braucht es übrigens nicht zwingend ein gekauftes Produkt. Ein Blatt Papier, ein Whiteboard oder selbst gemalte Karten können vollkommen ausreichen. Praktisch können aber beispielsweise auch beschreibbare und magnetische Flächen wie die von Gilboard sein.
Der große Vorteil liegt für mich gar nicht im Material selbst. Der Vorteil ist: Die Information darf aus dem Kopf heraus.
Statt morgens fünfmal zu sagen:„Hast du deine Zähne geputzt?“ „Wo ist deine Trinkflasche?“ „Du musst noch deine Schuhe anziehen!“ kann ein kleiner Ablauf sichtbar sein:
Anziehen → Frühstück → Zähne → Ranzen → Schuhe.
Das entlastet nicht nur das Kind sondern es kann auch die Beziehung entlasten. Denn irgendwann möchte kein Kind mehr ständig erinnert werden. Und ehrlich gesagt möchten die meisten Eltern auch nicht jeden Morgen zur menschlichen Erinnerungs-App werden.
Wenn ein Plan, ein Symbol oder ein Magnet einen Teil dieser Aufgabe übernimmt, entsteht manchmal etwas mehr Luft zwischen allen Beteiligten.
Visualisierungen finde ich noch aus einem anderen Grund wertvoll. Wir wünschen uns von Kindern häufig, dass sie rechtzeitig sagen, wenn ihnen etwas zu viel wird. Aber dafür muss ein Kind erst einmal bemerken, dass ihm gerade etwas zu viel wird. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Manche Kinder spüren ihre Anspannung erst dann deutlich, wenn sie bereits sehr hoch ist. Dann sehen wir Erwachsenen vielleicht Wut, Tränen, Rückzug oder einen heftigen Ausbruch – und denken: „Das kam jetzt aber plötzlich.“
Für das Kind kam es möglicherweise gar nicht plötzlich. Es konnte die vorherigen Signale nur noch nicht erkennen oder benennen. Deshalb arbeite ich gerne mit einfachen Bildern. „Wo ist dein Akku gerade?“ „Ist dein Kopf heute eher leise oder sind da hundert Gedanken gleichzeitig?“ „Bist du noch im grünen Bereich, schon bei Gelb oder eigentlich längst bei Rot?“ „Brauchst du gerade Ruhe, Bewegung oder jemanden, der dir hilft?“
Das können kleine Karten sein, Magnete auf einer Tafel, Farben oder einfach die eigenen Finger auf einer Skala von eins bis fünf. Es geht nicht darum, jedes Gefühl zu analysieren. Es geht darum, einem Kind langsam eine Sprache für sich selbst zu geben.
Ein Kind kommt aus der Schule. Sechs Stunden Unterricht, Geräusche, andere Kinder, Regeln, Übergänge, Anforderungen, vielleicht Busfahrt oder Schulweg.
Zu Hause fällt der Ranzen in die Ecke. Und fünf Minuten später sagen wir: „So, jetzt machen wir Hausaufgaben.“ Manchmal wundere ich mich eher darüber, dass das überhaupt funktioniert, als darüber, wenn es nicht funktioniert. Gerade bei Kindern mit einem hohen Bewegungsbedürfnis kann es sinnvoll sein, nicht sofort die nächste Sitzsituation einzufordern.
Vielleicht braucht der Körper erst etwas anderes.
Interessant finde ich in diesem Zusammenhang beispielsweise Ansätze wie Life Kinetik, bei denen Bewegung mit Wahrnehmungs- und Koordinationsaufgaben verbunden wird.
Ich mag solche Übungen vor allem dann, wenn wir sie nicht schon wieder zur Leistungssituation machen. Es geht nicht darum, wer es am schnellsten kann. Es darf schiefgehen. Es darf albern aussehen. Es darf gelacht werden.
Gerade Kinder, die im Alltag häufig erleben, dass sie zu langsam, zu unruhig, zu vergesslich oder „schon wieder nicht bei der Sache“ sind, brauchen Räume, in denen nicht ständig bewertet wird.
Wenn Eltern mich nach hilfreichen Materialien fragen, denken sie manchmal, ich würde ihnen nun eine lange Einkaufsliste geben.
Dabei sind einige meiner liebsten Ideen ziemlich unspektakulär.
Und manchmal braucht es überhaupt kein Produkt. Vielleicht vereinbaren Eltern und Kind einfach: „Wenn du merkst, dass dein Kopf nicht mehr kann, machst du drei Minuten Bewegung.“
Vielleicht ist das der Punkt, der mir am meisten am Herzen liegt. Wir Erwachsenen probieren gerne Dinge an Kindern aus. „Das soll gut für ADHS sein.“ „Damit kannst du dich besser konzentrieren.“ „Das benutzen jetzt viele Kinder.“
Ich würde das Kind lieber mit ins Boot holen. „Wollen wir ausprobieren, ob dir das hilft?“ Und danach: „Wie war es?“, „Konntest du besser zuhören?“, „Hat es dich eher abgelenkt?“, „War dir die Bewegung angenehm?“, „Möchtest du es morgen noch einmal versuchen oder lieber etwas anderes?“
Manche Kinder wissen darauf zunächst keine Antwort und das ist völlig in Ordnung. Selbstwahrnehmung entwickelt sich. Aber mit jeder dieser Fragen senden wir eine wichtige Botschaft:
Deine Wahrnehmung zählt.
Nicht ich als Erwachsene entscheide allein, was deinem Gehirn guttun muss. Wir finden es gemeinsam heraus.
Bei all den schönen Materialien, Trainingsmöglichkeiten und pädagogischen Ideen möchte ich deshalb auch eine kleine Lanze für das völlig Unpädagogische brechen. Ein Kind mit ADHS muss nicht den ganzen Tag gefördert werden. Nicht jede Bewegung braucht ein Trainingsziel. Nicht jedes Spiel muss Konzentration fördern und nicht jeder Spaziergang muss „Achtsamkeit“ heißen.
Und ein Kind darf mit einem GeoBender auch einfach irgendein verrücktes Gebilde bauen, weil es Spaß macht. Es darf auf dem Trampolin springen, ohne dass wir dabei exekutive Funktionen trainieren wollen. Es darf Quatsch machen und auch träumen. Es darf einen Nachmittag haben, an dem überhaupt niemand versucht, sein Gehirn zu optimieren.
Das finde ich gerade bei Kindern wichtig, die ohnehin sehr häufig die Erfahrung machen, dass Erwachsene etwas an ihnen korrigieren möchten.
Wenn ich über solche Hilfsmittel spreche, denke ich deshalb weniger an den perfekten Wochenplan, das beste Fidget oder die ideale Konzentrationsübung.
Ich denke an etwas, das viel später passiert. Vielleicht ist dieses Kind irgendwann zwölf und sagt: „Wenn es laut ist, kann ich mich kaum konzentrieren. Ich setze meine Kopfhörer auf.“ Vielleicht ist es vierzehn und weiß: „Wenn ich direkt nach der Schule lernen soll, geht gar nichts. Ich brauche erst Bewegung und etwas zu essen.“ Vielleicht ist es sechzehn und hat verstanden: „Wenn ich Termine nur im Kopf behalte, vergesse ich sie. Ich muss sie sofort eintragen.“
Dann ist etwas Entscheidendes passiert. Aus der Unterstützung von außen ist langsam Selbststeuerung geworden. Und genau das wünsche ich Kindern mit ADHS.
Nicht, dass sie möglichst früh lernen, stillzusitzen und unauffällig zu funktionieren, sondern dass sie ihren eigenen Kopf immer besser kennenlernen und irgendwann sagen können: „Ich weiß, was mir hilft.“
Dafür können ein Board, ein Fidget, ein Ball, ein Timer oder eine Bewegungsübung wunderbare kleine Begleiter sein. Aber der wichtigste Begleiter bleibt ein Erwachsener, der nicht ständig fragt: „Warum kannst du das nicht einfach?“ sondern neugierig bleibt und fragt: „Was würde dir helfen, damit es für dich leichter wird?“
Daniela ist Trainerin für Achtsamkeit, Entspannung, Resilienz und Selbstverteidigung. Sie hilft Kindern und Erwachsenen, zur Ruhe zu kommen, innere Stärke zu entwickeln und mit mehr Gelassenheit durchs Leben zu gehen. In ihren Kursen, Workshops und Artikeln zeigt sie, wie Achtsamkeit alltagstauglich, lebendig und kraftvoll werden kann.
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